„Zwischen den hohen Bürotürmen keimt es plötzlich“, erklärt der Künstler seine Idee: „Als würde unheimliches Leben entstehen, streckt sich eine abgeschnittene Wurzel oder Bohnensprosse nach oben. Die gelb leuchtende Masse mit dem Fühler wächst in einer Schlucht zwischen silbergrauen Fassaden.“ Spitalfields liegt in der City, dem Bankenviertel von London, gleich um die Ecke des Bahnhofs Liverpool Street Station. Neben der Markthalle hat Norman Forster einen neuen Bürokomplex entworfen. Das Gebäude gliedert sich auffallend elegant und klar in verschiedene Baukörper, die Fassade ist rechteckig streng und metallgrau mattiert: Ein luxuriöses und glattes Firmenambiente, das geradezu nach organisch saftigen Leben verlangt.
Krebber hat Sprout in der Form vereinfacht und an einer Seite schräg beschnitten, um die „Natur zu zähmen“, wie er sagt. Die Arbeit soll in gleichem Maße komisch und herausfordernd wirken. Als Ding vereint, setzen dicker Samen und wackeliger Keimling gegenläufige Impulse. Das Spiel mit Dimensionen, Masse, unseren Erwartungen und Assoziationen animiert die Plastik in humorvoller Weise. „Die Arbeit kitzelt Gebäude und Betrachter“, stellt der Künstler fest: „Sie fordert zum Vergleich – das neu bebaute Areal als frischer Impuls in der Stadtlandschaft.“ Die Skulptur entsteht zurzeit in Krebbers Atelier in Peckham im Londoner Süden. Der untere Teil nimmt schon einen halben Raum ein. „Hier drin sieht das Ding riesig aus. aber draußen, neben Bäumen, Autos und Gebäuden, relativieren sich die Maße“, meint der Künstler. Mit zwei Assistenten baut er den Kern aus Styropor, Pappe und Klebeband, um den herum dann eine Schicht aus laminiertem Acrylharz kommt. Diese Schale wird abgenommen, im Hof zusammengebaut und fertig geschliffen – inklusive des fünf Meter langen Stängels. Sprout gehört zum ersten Teil des Skulpturenprogramms, das Rachel Dickson und Emma Russell von gleichnamiger Kunstberatung für Spitalfields kuratieren. Jährlich werden Aufträge für neue Arbeiten vergeben und temporär installiert – ein ungewöhnliches Programm, das dem Kunstangebot im Londoner Osten eine weitere Attraktion verschafft. „Nach einem halben Jahr ist die Saat ist hoffentlich auf gegangen“, lacht Krebber. |