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Gereon Krebber
Here today, gone tomorrow



Auszug:
Gereon Krebber "Frequently asked questions - Häufig gestellte Fragen"


Wie hast Du zu Deinen Materialien gefunden?

Schon zu Studienzeiten benutzte ich Ton, Gips, Klebeband, Pappe und allen Krams, der mir in die Finger fiel. Aber ich lavierte umher, lenkte mich ab, kam nicht zu einer einheitlichen, klar lesbaren Formulierung: Du musst Dich entscheiden, hieß es. Ich entdeckte, dass es gerade dieser Zwiespalt ist, der mich selbst antreibt und den ich brisant finde. Und dass ich dem Betrachter ein solches Dilemma als Erfahrungsmoment zumuten will: Immateriell und massiv, präsent und absent, transparent und opak zugleich. Zwischen körperlicher Greifbarkeit und bildhafter Erscheinung entsteht eine Spannung, die einen auf sich selbst zurückwirft. Um diese Ambivalenz als Thema zu entdecken, dafür musste ich aber erst nach London gehen. Dort konnte ich dann meine Arbeit thematisch schärfen und prekäre Materialien wie Folie und Gelatine einbringen.


Wie entscheidest Du, welches Material Du nimmst, oder gehst Du vom Material aus?

Ich arbeite nach wie vor mit einem breiten Spektrum an Materialien, die häufig aus dem Alltagsgebrauch entlehnt sind. In Drogheda benutzte ich Holz, Trockenfleisch, Bauschaum, Beton, Cola, Wellrohr, Bitumen, Klebeband, Sprühfarbe, Gips, Holzwolle, Farbe, Löcher in der Wand – eine wilde Mischung. Meist finde ich Gefallen an einem bestimmten Material, weil ich damit bestimmte körperhafte Erfahrungen vermitteln und es gleichzeitig zu einer Erscheinung animieren kann, die verwundert. Zum Beispiel Gelatine, also gemahlene Kuh, ergibt mit Glyzerin und Wasser eine Mischung, die nach dem Erhärten etwa die gleiche Konsistenz besitzt wie der eigene Körper. Sie ist zäh, weich und leicht schwabbelig, aber dennoch entschieden künstlich.


Was ist das Besondere daran, wie Du mit Materialien umgehst?

Die Materialien selbst sind bei mir meist erst auf den zweiten Blick zu erkennen, manchmal sogar kaum voneinander zu unterscheiden. Häufig nutze ich ein Holzgestell oder einen Unterkörper aus Styropor und trage andere Materialien dann schichtweise wie eine Haut auf. Das betreibe ich bis zu einem extremen, leicht pervertierten Punkt, an dem sie – die Stoffe – zeigen, was sie können, aber sonst meist nicht dürfen. Verschmolzen, verbrannt, dick aufgetragen, übermodelliert, gegossen, verspachtelt, geschliffen, geraspelt oder besprüht suche ich eine neue, überraschende Qualität, die auf den ersten Blick wie aus sich selbst entstanden wirkt. Häufig täusche ich dafür Aggregate vor, Beulen, Deformationen, Dehnen, Knicken und Stauchen. Das wirkt, als wäre das Objekt in einem Prozess befindlich oder unter Druck geraten. Diese falschen Fährten verrätseln das Material zusätzlich. Das Übercodieren gewöhnlicher Eigenschaften verunsichert: Es ist ein Spiel, bei dem man seinen Augen nicht trauen kann.


Warum ein solcher Umgang mit Material und Körper?

Vielleicht ist es ein bestimmter Zwiespalt, der mich selber treibt. Mich fasziniert das, was anderen peinlich ist, was eben körperlich stattfindet und was sich materiell wie ein Schicksal niederschlägt. Es geht mir um Phänomene, die physisch wie psychisch wirken und denen ich habhaft werden will. In meiner bildnerischen Sprache baue ich ein Spannungsfeld zwischen Körper, Material und Erscheinung auf. Die treibende Kraft steckt zwischen dem Körper-Sein und Körper-Haben. Abgesehen von meiner Hobbyanthropologie und Privatobsession – von da aus ist es noch ein langer Weg zu den Chimären, die meine Ausstellungen bevölkern. Aber es erklärt, warum vieles so unintellektuell direkt und sinnlich funktioniert. Es sind die Säfte, die hier sprechen.


Könntest Du nicht einfach Readymades nehmen?

Mir geht es um Verschiebungen, Vereinfachungen und Transformationen. Formen, vormals erkennbar und in hohem Maße gegenständliche Assoziationen weckend, lassen sich nicht mehr konkret zuordnen. Es gibt zwar prägnante Details, an denen sich unsere Erfahrung und Erinnerung orientieren können, doch die Arbeiten erhalten etwas von Scheinbildern, die einem wie nasse Seifenstücke aus der Hand gleiten. Manche wirken tatsächlich wie Readymades oder gefundene Objekte; so zum Beispiel Verbrannter Stall. Meist sind sie jedoch aufwendig gebaut, bearbeitet und verändert, damit sie die gewünschte Präsenz erhalten. Das ist vergleichbar zu dem, was in Träumen und Witzen passiert, wenn Übersehenes oder Verdrängtes sich vermischt, unkenntlich wird und als Kurzschluss neu und überraschend ans Tageslicht drängt, so wie sich Latentes im Traum manifestiert, soll es sich als Objekt zeigen: Es ist da – und das ist das Problem.


Was haben Deine Skulpturen gemeinsam?

So verschieden meine Skulpturen aussehen: Sie sind Fremdkörper mit einem Hang ins Groteske, vielleicht etwas komisch und leicht transgressiv. Sie haben etwas suggestiv Abweichendes an sich: Als könnten sie peinlicherweise ihren Körper selbst nicht recht kontrollieren; Haltung und Form weichen auf. Sie scheinen unter der eigenen Last zu einzusacken, die Volumina spannen und wölben sich, meist hängt dummerweise irgendwo noch etwas heraus oder fließt etwas herunter. Viele Arbeiten scheinen wie in einer Metamorphose begriffen; teils bizarr, teils profan, funky oder halb schlaff, überdimensioniert oder fragil, mit Plauze und Anusloch.
Als wesenhafte Entitäten wirken sie fantastisch und unwirklich, ganz so, als kämen sie aus einem Film – allerdings findet der Film in den Köpfen der Betrachter statt: Wunderland ist abgebrannt, Frau Holle meets Alien bei den sieben besprühten Zwergen hinter den sieben Bergen auf irgendeinem Wüstenplaneten. Zwischen Sci-Fi-Props, Postminimalismus und Installationitis zeigen sich die Arbeiten als visuell unmittelbar von verführend bis monströs. Es sind ‚misfits‘ und Freigeister, keine klassischen Schönheiten. Als Groteske öffnen sie sich spielerisch für Assoziationen und Körperbezüge – durchaus humorvolle, vielleicht nicht immer angenehme.


Woher nimmst Du Deine Formen?

Die meisten meiner Skulpturen sind unweigerlich abstrakt; viele spielen mit figuralen Momenten. Es sind keine Körper, die etwas mimetisch darstellen – sie sind eigenständig. Die kleinen blinden Tierbüsten, die ich vor Jahren modelliert habe, machten mir das schlagartig klar. Ich fand sie zu figürlich und handlich, und als ich diese groß bauen wollte, habe ich kurzerhand nur noch das reduzierte Volumen gebaut und bin bei einer einfachen Tonnenform geendet. Solche vereinfachten Körper habe ich gern über Abweichungen und Knicke animiert. Als ich später mit Wolken und Schüttungen anfing, habe ich meine Plastiken aus den Möglichkeiten des Materials und der räumlichen Auseinandersetzung frei entwickelt. Diese Ausdehnungen sind amorph und fordern Projektionen heraus, eine Figur entsteht nur in der Vorstellung.
Inzwischen sind es häufig Grenzen, einfache Setzungen und Aggregate in Aktion, die meine plastischen Formen anregen. Im Prozess forme und manipuliere ich sie weiter, damit sie die erwähnte fremdartige Präsenz gewinnen.
Ich bediene mich ausgiebig im breiten Sortiment, welches die neuere Kunstgeschichte der Skulptur zu bieten hat. Meine Formensprache ist ein Amalgam aus Modernismen und Minimalismen, aus formalen Etüden und persönliche Attitüden. Meine Haltung ist eklektisch. Jedoch versuche ich, diese Dinge konterintuitiv einzusetzen, also der bisherigen Erfahrung gegenläufig – daher meine Materialkapriolen und disparaten Brüche.



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